Mittags fahre ich los
Ich fahre gegen Mittag los, zu einer mittelgroßen Stadt im Umland, in der mein
Psychotherapeut seine Praxis hat. Die Räume dort empfangen mich mit einer
angenehmen Temperatur, als wäre die Luft selbst darauf abgestimmt, mich zu
beruhigen, bevor ich mich setze. Der Therapeut hantiert wieder mit seinem
mobilen Lesegerät, meine Bankkarte will sich nicht einlesen lassen, das Gerät
piept und schweigt abwechselnd, und ich denke, dass ich beim nächsten Mal
Bargeld mitbringen sollte, wenn ich daran denke.
Er möchte die Geschichte
hören, die ich schon einmal angedeutet habe. Die mit der Verkäuferin, dem
angeblichen Foto, der Aufforderung eines Gerichts zu einem Gütetermin. Ich
erzähle sie ihm so, wie sie sich zugetragen hat. Ohne etwas zu beschönigen,
die Sätze fallen aus mir heraus wie Kieselsteine, die man lange in der Tasche
getragen hat. Er hört zu, nickt, schreibt am Ende eine Bescheinigung, dass ich
bei ihm in Behandlung bin, das ich darum bitte, dass man mich mit Nachsicht
anhört. Ich bedanke mich innerlich bei ihm, ein stiller Dank, der irgendwo
zwischen den Wänden hängen bleibt. Draußen ist die Stadt hell und beweglich.
Ich gehe in einen kleinen Imbiss am Markt, um ein Bratfischbrötchen und einen
Latte Macchiato zu bekommen. Mein Bike stelle ich direkt vor das Schaufenster, schließe
es ab, und durch die Scheibe kann ich es die ganze Zeit sehen, ein treuer
Schatten aus Metall. Am Automaten wähle ich zwischen Kaffee groß und klein, zwischen
Porzellantasse und Pappbecher, kleine Entscheidungen, die sich groß anfühlen in
diesem Moment. Ich nehme eine kleine Portion und die Porzellantasse.
Mit der Tasse in
der Hand gehe ich zur Kasse. Das Mädchen dort ist neu, ich habe sie vorher noch
nie gesehen, ihre Bewegungen sind vorsichtig, suchend. Der Inhaber des Ladens
taucht immer wieder aus dem hinteren Teil auf, erklärt ihr etwas, verschwindet
wieder, taucht erneut auf, ein Muster, das sich wiederholt wie eine Welle, die
den Strand berührt und zurückweicht. Über eine belebte Straße fahre ich weiter
zu einem Brotladen oben am Markt. Walnussbrot gibt es keines mehr, also nehme
ich einige Scheiben vom sogenannten Traditionellen, das nach etwas Vertrautem
schmeckt, obwohl ich es kaum kenne. Der Rückweg führt mich durch einen
ausgedehnten Forst am Rand der Stadt. Der Weg ist unbefestigt, die Reifen
mahlen durch losen Kies, aber die Luft hat eine Klarheit, die mich wach macht.
Die Batterie meines E-Bikes ist degradiert, ich sehe es auf seinem Steuergerät,
sie hält nicht mehr für sehr viele Kilometer. Deshalb fahre ich die geraden
Streckenabschnitte ohne Unterstützung und schalte die Hilfe erst zu, wenn der
Weg ansteigt.
In diesem Rhythmus aus Anstrengung und Erleichterung wandern
meine Gedanken. Sie gehen zu einem Vortrag, den ich gesehen habe, in dem ein
Denker darüber spricht, dass er einst geglaubt habe, das Beste käme noch. Der
Satz hängt in der Luft des Waldes wie Nebel, der sich nicht auflösen will, und
ich frage mich, während der Weg unter mir bergauf geht, ob dieses Beste schon
vorbeigezogen ist, ohne dass ich es bemerkt habe. Oder ob es sich noch irgendwo
zwischen den Bäumen verbirgt. Zu Hause setze ich mich hin und schreibe eine
Nachricht an eine Bekannte. Ich weise sie auf die Flecken an der Decke hin,
die durch den Schaden am Dach entstanden sind, nachdem Hagel und Starkregen
über das Haus gezogen sind. Während ich die Worte forme, stelle ich mir die
Decke vor wie eine Landkarte eines fremden Kontinents, die Flecken wie Inseln,
die langsam wachsen. Danach öffne ich eine Verkaufsplattform im Internet und
fülle ein Formular aus, eine Schadensmeldung, weil ein bestelltes Gerät nie
geliefert wurde.
Ich sende es ab und spüre eine Erleichterung, als hätte
ich einen Stein aus meiner Tasche nehmen können. Am Abend ruft ein Bekannter an und
fragt nach dem Stand der Dinge. Es ist eine freundliche Geste, seine Stimme
klingt warm durch das Telefon, und wir sprechen kurz über alles und nichts.
Während des Gesprächs schweifen meine Gedanken wieder ab, zu Ferienanlagen an
einer fernen Meeresküste im Ausland, komplett ausgestattete Häuser, in denen
man für eine Weile leben könnte, während zu Hause das Dach repariert wird. Die
Idee schwebt wie ein Ballon über der Wohnung, hält sich in der Luft, ohne sich
festzusetzen. Die Versicherung, die für das Gebäude zuständig ist, hat einen
Ansprechpartner, mit dem ich noch sprechen muss, ein Mann, dessen Name mir
kurz durch den Kopf geht wie ein Vogel, der an meinem Fenster vorbei fliegt und nicht
bleibt. In der Nacht, während ich auf dem Bildschirm nach etwas suche, das mich
müde macht, stoße ich auf einen Bericht über ein Geräusch, das rund um den
Globus gehört wird, ein tiefes, unerklärliches Summen, das Menschen an ganz
unterschiedlichen Orten wahrnehmen, ohne dass jemand seine Quelle sicher
benennen kann. Ich stelle mir vor, wie dieses Summen durch den Forst zieht,
den ich am Nachmittag durchquert habe, wie es durch die Wände der Praxis
dringt, in der ich saß, wie es sich mit dem Piepen des Kartenlesegeräts
vermischt, bis alles zu einem einzigen tiefen Ton wird, der unter der Stadt
liegt wie eine zweite, verborgene Straße.
Ich denke an die Verkäuferin hinter
der Kasse, die vielleicht auch dieses Summen hört, während der Inhaber ihr
etwas erklärt, und an das Mädchen, das noch nicht lange dort ist, deren Ohren
vielleicht empfindlicher sind als meine. Später schaue ich mir einen weiteren
Vortrag an, über das Wissen der letzten Wirklichkeit, über eine Erkenntnis,
die hinter allen Erscheinungen liegen soll, unveränderlich, während alles
andere sich wandelt. Die Stimme des Sprechers ist ruhig, fast singend, und
ich lasse sie über mich hinwegfließen wie Wasser über einen Stein. Ich denke
an die Flecken an der Decke, die vielleicht auch nur Erscheinungen sind,
vergängliche Formen auf einer Oberfläche, die selbst nicht bleibt. Ich denke
an das Brot, das ich stattdessen genommen habe, an den Geschmack von etwas,
das ich als traditionell bezeichnet bekommen habe, ohne die Tradition selbst
zu kennen. Ich denke an die Batterie meines Bikes, die langsam ihre Kraft
verliert, an die Steigungen, bei denen ich Hilfe brauche, und an die geraden
Wege, auf denen ich aus eigener Kraft vorankomme.
Die Bilder aus der Ferne,
die Ferienhäuser an der Küste, das Summen, das um den Erdball wandert, der
Vortrag über die letzte Wirklichkeit, sie legen sich übereinander wie
durchsichtige Folien, jede mit einem eigenen Muster, und zusammen ergeben sie
ein Bild, das ich nicht ganz entziffern kann. Draußen ist es inzwischen dunkel,
das Haus mit den Flecken an der Decke liegt still, der Wald am Rand der Stadt
atmet seine kühle Luft in die Nacht hinein. Irgendwo, vielleicht in dieser
Stadt, vielleicht in einer fernen Metropole, hört jemand dasselbe Summen, das
ich zu hören glaube, wenn ich die Augen schließe. Ich lege mich hin, die
Bescheinigung des Therapeuten liegt gefaltet auf dem Tisch, das Formular für
das nicht gelieferte Gerät ist abgeschickt, die Nachricht an die Bekannte ist
verfasst. Ich frage mich, während der Schlaf näherkommt, ob das Beste
tatsächlich noch kommt, oder ob es längst da war, verborgen in einem Nachmittag
mit Latte und Brot und einem Weg durch den Wald, den ich kaum bemerkt habe,
während ich ihn durchfuhr.