Donner und eine Amsel
Der Tag beginnt mit einem Donner, der nicht aus den Wolken kommt, sondern aus
der Tiefe des Bauches der Welt heraufzurollen scheint. Der Himmel verdunkelt sich
in jener eigentümlichen Art, die immer ein kurzes, aber gewaltiges Schütten
ankündigt. Und tatsächlich prasseln die ersten großen Tropfen gegen die
Fensterscheibe, während ich noch den Lottoschein in der Hand halte und überlege,
ob ich ihn nun überprüfen soll oder ob das Warten auf bessere Nachrichten nicht
die klügere Wahl wäre. Doch die Neugier siegt, und ich öffne die Seite, auf der
die Zahlen erscheinen müssten, doch statt der erhofften Übereinstimmung
erscheint ein Hinweis. Dass die Auswertung der Ausspielungen auf einen anderen
Tag verschoben wurde, einen Freitag in der nächsten Woche. Und so muss ich die
Vorstellung von einem gewaltigen Gewinn, die bereits in meinem Kopf Gestalt
angenommen hatte, mitsamt dem Bild eines neuen Lebens, einer anderen Welt,
eines Ausstiegs aus allem Gewohnten, wieder verschieben. In jene Schublade
legen, aus der ich sie gerade erst befreit hatte. Der Regen hört so plötzlich
auf, wie er begonnen hatte. Die Sonne bricht durch die Wolken und als ich aus
dem Fenster schaue, sehe ich eine dicke schwarze Krähe auf der Wiese landen.
Genau dort, wo ich vor einigen Stunden Brotstücke hingeworfen hatte. Die Krähe
pickt sich mit hastigen Bewegungen einige Stücke auf, während ich mich ganz
langsam dem Fenster nähere. Doch schon bei meinem ersten Schritt, den sie hinter
dem Fenster sieht, hebt sie ab und verschwindet im Geäst der alten Eiche am Rand
des Gartens. Die Krähen und die Elstern sind von einer Scheu, die fast an
Übernatürliches grenzt. Sie reagieren nicht auf meine Bewegungen im Allgemeinen,
nicht auf das Öffnen des Fensters oder das Klopfen an die Scheibe, sondern
ausschließlich auf mein Gesicht, auf meine Augen. Das ist eine Erkenntnis, die
mich seit Tagen nicht mehr loslässt. Was ich jetzt mache ist mir die Hände vors
Gesicht zu halten und nur kleine Spalten zwischen den Fingern zu lassen, durch
die ich hindurchspähen kann. Und mich dann überhaupt nicht mehr bewegen.
So
vergessen sie mich nach kurzer Zeit. Die Fensterscheibe ist für sie wieder eine
bloße Fläche aus Licht und Himmel. Ich kann sie so beobachten, wie sie
herankommen, wie sie die Brotstücke inspizieren, wie sie miteinander in Krächz-
Lauten kommunizieren, die wie eine zerbrochene Sprache klingen. Und während ich
so dastehe und durch meine Finger hindurchsehe, fühle ich mich selbst wie ein
Vogel, der in einem unsichtbaren Käfig sitzt und die Welt nur durch Ritzen
betrachtet. Die Amseln sind anders. Die Amseln haben ein Gedächtnis, das über
den bloßen Augenblick hinausreicht. Sie wissen genau, dass es hier jeden
Tag etwas zu holen gibt. Sie beobachten mich bereits, während ich noch über die
Wiese gehe und warten nicht, bis ich verschwunden bin. Sondern sie hüpfen direkt
hinter mir her und picken die Krümel auf, die ich bei meinem Gang hinterlasse.
Dieser dreiste Mut, diese Vertrautheit mit meiner Anwesenheit, gibt mir das
Gefühl, dass zumindest eine unserer biologischen Verwandten auf diesem Planeten
einen Menschen als Teil ihrer Umgebung akzeptiert hat. Als etwas, das nicht als
suspekt angesehen zu werden braucht, sondern als gerne gesehen.
Heute ist ein Feiertag, und das spüre ich in jeder Faser des Tages, denn die
Straßen sind leer, die Geschäfte haben geschlossen. Die Stille, die über der
Siedlung liegt, ist eine andere als die Stille eines gewöhnlichen Sonntags, sie
ist dichter, fast unwirklich. Ich überlege, ob ich eine Radtour machen könnte,
denn das Wetter scheint sich zu beruhigen, und die Wolken ziehen in langen,
dünnen Schleiern über den Himmel. Doch der Gedanke an das Einkaufen, das heute
nicht möglich ist, hält mich zurück, denn ich wüsste nicht, wohin ich fahren
sollte, wenn alle Läden verschlossen sind. Ich denke an den kleinen Laden im
Ort, der sonst immer geöffnet hat, doch auch er bleibt heute zu, und ich denke
an einen anderen Laden, etwas weiter entfernt in der nächstgelegenen Kleinstadt,
der laut einer Notiz an der Tür bis zum späten Nachmittag geöffnet haben soll.
Doch ich weiß nicht, ob sich die Fahrt lohnt, und ich denke an den Imbiss an der
Hauptstraße, der niemals schließt und in dem es immer nach Frittierfett und
Pommes riecht. Aber heute, an diesem stillen Feiertag, wirkt selbst dieser Ort
in meiner Vorstellung wie eine entlegene Insel, die ich nur mit einem Boot
erreichen könnte, das ich nicht besitze. Also öffne ich die Wetterkarte
auf dem
Bildschirm und sehe, dass es später noch einmal regnen könnte, und dieser Anblick
macht mich zögerlich, denn nichts ist schlimmer, als bei einer Radtour vom Regen
überrascht zu werden wenn man keinen Schutz dabei hat. Und so beschließe ich zu
warten und mich mit einem Brötchen und einem Glas Konfitüre zu trösten, die nach
dem herb-süßen Geschmack einer Frucht schmeckt, die man nur im Sommer findet.
Während ich esse, blättere ich in der Zeitung, die extra für den Feiertag
gedruckt wurde und ich stelle mir vor, dass deren Seiten nach frischer Tinte
riechen, aber die Worte,
die ich lese, ergeben keinen Sinn. Sie reihen sich aneinander wie Perlen auf
einer zerbrochenen Kette, und jedes Wort scheint mir fremd, als hätte ich die
Sprache verlernt, als wäre ich in eine andere Zeit versetzt worden, in eine Zeit,
in der die Menschen noch in Höhlen lebten und die Schrift noch nicht erfunden
war. Und dieses Gefühl, in die Steinzeit versetzt zu sein, begleitet mich durch
den gesamten Vormittag und lässt mich die Welt um mich herum mit anderen Augen
sehen. Es ist nicht mein Mindset, denke ich, und das Wort selbst, dieses moderne
Wort für die Art, wie man die Dinge betrachtet, scheint mir auf einmal lächerlich
und unpassend. Was ich fühle, ist viel älter als alle Gedanken über mind sets
oder Einstellungen. Es ist ein Urgefühl, ein Echo aus einer Zeit, in der der
Mensch nicht dachte, sondern nur spürte, nur atmete, nur den Donner am Himmel
sah und wusste, dass etwas Größeres da war. Etwas, das sich nicht in Zahlen und
Statistiken fassen ließ. Die Sonne hat sich inzwischen durchgesetzt, und der
Himmel ist klar geworden. Ich beschließe, den Tag nicht im Inneren zu
verbringen, und trete vor die Tür. Der Wind, der jetzt weht, trägt den
Geruch von nassem Gras und feuchter Erde in meine Nase, und ich gehe den Weg
entlang, der zwischen den Gärten hindurchführt, und während ich gehe, tauchen
die Bilder der Filme in meinem Kopf auf, die ich in den letzten Tagen gesehen
habe. Sie vermischen sich mit den Eindrücken des Tages zu einer einzigen,
fließenden Erzählung, die mich nicht mehr loslässt. Ich denke an die Unterhaltungen
über künstliche Intelligenz, in denen von Grenzen und Möglichkeiten die Rede war,
von Wesen, die eines Tages denken könnten wie wir.
Aber anders, und ich frage
mich, ob diese Wesen dann auch die Scheu der Krähen verstehen würden oder das
Gedächtnis der Amseln. Ich sehe die Bilder der kleinen Filme vor mir, die von
einer Zukunft erzählen, in der die Menschen die Erde verlassen müssen, um zu
überleben, und ich sehe die Schiffe, die durch den Weltraum gleiten, und ich
sehe die Gestalten, die vom Himmel fallen. Und ich sehe all die Geschichten von
Begegnungen mit Fremden, mit Wesen, die größer sind als wir, die älter sind als
wir, die etwas wissen, das wir nie erfahren werden. Diese Bilder mischen sich
mit den einfachen Dingen des Tages, mit dem Brot auf der Wiese, mit der Konfitüre
auf dem Tisch, mit der Zeitung, die keinen Sinn ergibt. Die Gedanken an einen
Mann, der über eine neue Schöpfung spricht, über die Entstehung einer neuen Art
von Menschen, geistern durch meinen Kopf. Ich sehe die Werbespots für Autos,
die so lächerlich sind, dass sie fast schon wieder künstlerisch wirken, und ich
höre die Musik einer Band, die einst sang, dass sie größer sind als das Leben
selbst, All diese Bruchstücke, diese Splitter aus tausend verschiedenen
Wirklichkeiten, fügen sich in meinem Kopf zu einem einzigen großen Bild zusammen.
Einem Bild, das so surreal ist, dass ich nicht mehr sagen kann, ob ich noch in
meinem Garten stehe oder bereits in einem anderen Universum. Als ich zurück
ins Haus gehe und noch einmal zum Fenster schaue, sitzt die Krähe wieder auf der
Wiese, aber diesmal sehe ich ihr Gesicht, und es sieht mich an mit einem Blick,
der alles weiß, und ich halte mir die Hände vors Gesicht und beobachte sie durch
die Spalten meiner Finger.
Sie pickt die letzten Brotstücke auf und fliegt
davon, und ich bleibe stehen und schaue ihr nach, bis sie nur noch ein schwarzer
Punkt am Himmel ist, ein Punkt, der sich auflöst im blauen Nichts des
Feiertagnachmittags. Die Sonne steht jetzt tief, und das Licht wird golden und
weich, und ich weiß, dass die Nacht kommen wird. Dass ich morgen wieder
aufwachen werde und dass die Auswertung der Zahlen dann immer noch nicht da sein
wird, denn sie ist für einen anderen Tag angekündigt, für einen Freitag, der in
dieser ersten Juniwoche liegt, und so wird die Vorstellung von einem großen Gewinn
weiter in mir schlummern wie ein Samen, der noch nicht gekeimt ist, und ich werde
weiterhin die Krähen beobachten und die Amseln füttern und die Zeitung lesen,
auch wenn sie keinen Sinn ergibt, und ich werde die Radtour vielleicht doch noch
machen, wenn das Wetter es zulässt. Ich werde die Konfitüre essen und an die
Filme denken, die ich gesehen habe, und an die Gespräche über Wesen, die
vielleicht eines Tages kommen werden, um uns zu begegnen oder uns zu ersetzen.
Und während ich so dastehe und durch das Fenster in den Garten schaue, weiß ich,
dass dieser Tag, dieser Feiertag, dieser Tag des Gewitters und der Krähe und der
verschobenen Zahlen, ein Tag ist, der in mir bleiben wird. Ein Tag, der sich
eingeprägt hat in das Gedächtnis meines Körpers, so wie sich die Amseln die
Stellen merken, an denen es Brot gibt. Ich atme tief ein und spüre den Wind,
der durch das offene Fenster weht, und ich schließe die Augen und lasse den
ganzen Tag noch einmal vorbeiziehen. Den Donner, den Regen, die Krähe, die
Zeitung, die Filme, die Gespräche, das alles zusammen, und es ergibt immer noch
keinen Sinn, aber es ergibt auch keinen Widerspruch. Und das ist vielleicht das,
was man Glück nennen könnte, nicht den großen Gewinn, nicht die Zahlen, nicht die
Auswertung, sondern dieses Gefühl, ein Teil von etwas zu sein, das größer ist.
Etwas, das sich nicht erklären lässt, etwas, das einfach da ist, wie der Himmel
über mir und die Erde unter mir und die Krähe, die jetzt irgendwo sitzt und mich
nicht sieht, mich aber trotzdem kennt, so wie ich sie kenne. Ich öffne die
Augen und gehe hinaus in den Abend, ohne zu wissen, was morgen kommt, und das ist
in Ordnung, denn heute, an diesem einen Tag, war alles da.
Alles an seinem Platz,
und ich war ein Teil davon, und das reicht.