Silberlinie





Tagebuchaufzeichnungen Teil 2

Im Eingangsbereich des Wintergartens werden kleine Schönheitsreparaturen vorgenommen. Am rechten unteren Balken wird mit Acryl gearbeitet, einige Wandstellen werden mit weißer Farbe nachgebessert.

Im Bad bekommt eine Ecke neue rote Farbe. Die passende Farbe muss noch besorgt werden. Nebenbei laufen Videos zu geopolitischen Entwicklungen und wirtschaftlichem Druck, eher als Hintergrundrauschen denn als Fokus. Das Wetter ist klar und winterlich kalt. HP zieht sich warm an, die winddichte Hose, eine robuste Jacke, gefütterte Stiefel. Der lange graue Schal wird zweimal um den Hals gelegt. Der Weg führt durch den Wald, vorbei an einzelnen Häusern, über einen naturbelassenen Lehmweg. Ein Radfahrer kommt entgegen, sichtbar außer Atem auf dem Anstieg. HP sagt im Vorbeifahren, dass es wohl nicht einfach sei.

Der andere bestätigt es freundlich und wünscht frohe Weihnachten. Unterwegs entstehen ein paar Fotos mit dem Handy. Schon von weitem ist zu erkennen, dass an der Mühle nichts los ist. Keine Stimmen, keine Kinder. Im Innenhof zeigt sich, dass heute nicht an Besucher verkauft wird. Ein paar junge Leute sind bei den Pferden und säubern die Ställe. Ein kurzer Gruß, ein kurzes Hallo. Auf dem Hof laufen ungewöhnlich viele Pfauen herum. Erwachsene Tiere, dazu viele jüngere. Sie interessieren sich zunächst für HP, wenden sich aber wieder ab, als klar wird, dass es nichts zu holen gibt. Sie machen weiter mit dem, womit sie zuvor beschäftigt waren.

Der Rückweg führt über ein Stück schmale Landstraße. HP hält sich links. Die Straße zieht sich in Kurven bergauf. Entgegenkommende Autos fahren langsam und aufmerksam. An einer Gabelung führt der Weg in zwei vertraute Richtungen. Während des anstrengenden Rückwegs setzt eine Flut von Erinnerungen ein. Vielleicht liegt es an der eiskalten Luft. Gedanken an eine frühere Nachbarin, an nächtliche Gespräche über Kosmos und Seelen, an ein eigenes surrealistisches Foto, das genau hier seinen Ursprung hatte. Erinnerungen an lange bewohnte Wohnungen, an eine Freiluftausstellung entlang dieses Weges, an eine spätere Präsentation derselben Arbeiten in Innenräumen.

Der Weg ist plötzlich aufgeladen mit Vergangenheit. Zurück im Haus entsteht der Gedanke, dass es gut ist, Papier bei sich zu tragen. Aus dem Zettelkasten auf dem Schreibtisch nehme ich mehrere Lagen der quadratischer Notizzettel heraus. Eine wandert in die Tragetasche die im Fahrradkorb liegt, ein Stapel in die Windjacke die im Wintergartenflur an einem der hölzernen Aufhängen hängt und eine Stapel in die Innentasche der Lederjacke, die drinnen im Kleiderschrank auf einem Bügel hängt. Jacken und Schal hängen griffbereit im Wintergarten. HP denkt darüber nach, eine der Lederjacken zu verkaufen, da sie zu klein ist. Der Zustand ist tadellos. Es fehlen nur Beschreibung und Fotos. Die andere Jacke passt gut und wurde aufwendig aufgearbeitet. Das Nachfärben des Leders war anspruchsvoll, besonders an stark beanspruchten Stellen. Die Zettelaktion ruft eine Erinnerung an einen Roman hervor, der sich ebenfalls um Notate und Denkbewegungen drehte. Es fällt auf, dass in der Adressenliste einige Nachbarn fehlen. Manche Namen sind nicht bekannt. Eine Person aus dem Ort soll dazu befragt werden, da sie einen guten Überblick über soziale Zusammenhänge hat. Nebenbei werden Kleidungsstücke bestellt und bezahlt. Am Abend richtet sich der Blick auf eine bekannte Schauspielerin und ihre lange Karriere.

Später laufen weitere Videos, spirituelle Themen, politische Einschätzungen, technische Entwicklungen. Organisatorisches füllt den nächsten Tag. Rechnungen werden beglichen. Porträtbilder müssen noch ausgedruckt werden. Gefaltete Seiten mit Hinweisen und Grüßen werden erstellt. Umschläge werden gefüllt, ein Teil lokal verteilt, ein Teil verschickt. Versandtaschen werden nachbestellt. Gedanken an einen Restaurantbesuch tauchen auf und werden verschoben. Im Hintergrund laufen Musik, Technik und Zukunftsthemen. In der Nacht folgen Recherchen. Operette, wandernde Figuren, mögliche Kunstformen in der Galaxie. Gedanken springen zu Filmen und Regisseuren. Ein Name will erst nicht einfallen, taucht dann doch auf. Lebensmittel sorgen für Enttäuschung, anderes schmeckt dafür umso besser.

Draußen liegt die Temperatur um den Gefrierpunkt. Videos zu autonomem Fahren, KI-Zukunft und alten Mythen begleiten die Gedanken. Tagsüber geht es wieder nach draußen. Weitere Porträtbilder werden gedruckt und für den Versand vorbereitet. In einem Café setzt sich HP auf einen hohen Hocker mit Blick nach draußen. Zwei Jugendliche sitzen bereits dort.

Ein kurzes Gespräch entsteht, bleibt oberflächlich. Sie gehen. HP bleibt noch sitzen und beobachtet den Platz. Zu Hause fällt auf, dass eine Sonnenbrille fehlt. Die Suche bleibt erfolglos. Die Übersicht im Wintergarten wird angepasst.

Ein neuer Zettel mit der aktualisierten Anzahl der vorhandenen Brillen wird angebracht. Später klopft eine Nachbarin an der Tür. Sie fragt nach einem Topf und bringt Suppe vorbei. HP gibt ihr einen mittelgroßen Kochtopf. Kurz darauf kommt sie zurück und stellt ihn teilweise gefüllt ab. Als Gegengabe erhält sie eines der Porträts in einem Umschlag. Beim Essen wird klar, warum so viel Suppe übrig geblieben ist. Sie ist kaum gewürzt. HP hilft nach, salzt kräftig und gibt eine Sauce dazu.

Danach schmeckt sie gut. Ein Brief mit aktualisierten Terminen liegt bereit. Die Organisation wirkt mühsam. Gedanken an weitere Plattformen tauchen auf, werden aber verworfen. Zu teuer, zu aufwendig. Die Arbeit setzt sich fort.