Silberlinie



Die Zeit hat ihre eigenen Gesetze

Die Kälte liegt an diesem Morgen wie eine zweite Haut über den Höhen. Während ich das Bike den vertrauten Weg hinauflenke, vorbei an kahlen Hecken und Zäunen, denke ich an den Raureif, der sich wie feiner Zuckerguss festgesetzt hat. Und ich denke ich an die drei Heiligen, die der Volksglaube für solche Tage verantwortlich macht, ohne dass ich recht wüsste, warum gerade jetzt die Luft so gläsern und scharf schmeckt.

Als hätte jemand sie über Nacht poliert und in ein dünnes, durchsichtiges Tuch gehüllt, durch das die Sonne nur zögerlich hindurchdringt. Ich fahre vorbei bei den beiden Frauen, die ich seit langem kenne und deren Haus am Rand der Höhen liegt, dort, wo der Wind ungehindert über die Felder zieht, und überreiche der einen die Notiz, die ich für sie vorbereitet habe, jene Liste mit den Verweisen und Verknüpfungen, die unsere gemeinsamen Seiten im Netz noch enger zusammenführen sollen. Es sind kleine, unsichtbare Fäden, die zwischen unseren digitalen Räumen und Gantenbein gespannt werden, und während sie das Papier entgegennimmt und kurz überfliegt, gesteht sie mir etwas, mit einem Lächeln, das halb Entschuldigung und halb Trotz ist.

Dass sie die Texte, die ich auf einer meiner Webseiten veröffentlicht habe, immer noch nicht gelesen habe, obwohl sie es mir versprochen hatte, wegen der Korrekturen, die dort vielleicht nötig wären. Kleine Unebenheiten im Satzbau, die nur ein fremdes Auge entdecken kann, und ich nicke nur. Weil solche Versprechen oft wie Schnee sind, der fällt und sich auflöst noch bevor man ihn wirklich betrachten kann. In mir regt sich kein Ärger, nur ein bestimmtes Unverständnis darüber, dass Zeit für manche Dinge eben ihre eigenen Gesetze hat.

In diesem Moment kommt der Mann mit dem Lachen um die Ecke, dieser Nachbar, dessen Scherze man schon von weitem erahnt, noch bevor er den Mund öffnet. Und während ich mich von den beiden Frauen verabschiede und meine Jacke fester um mich ziehe, breitet er die Arme aus und ruft in die eisige Luft hinein, dass es heute besonders kalt sei wegen der drei Heiligen. Von denen doch jeder spreche, als wären sie alte Bekannte. Und er fragt mit gespielter Verwunderung, wer denn eigentlich der dritte von ihnen sei, denn er selbst kenne nur zwei, den Eismann und jenen Anderen, den bofrost. Natürlich sind sie unersätzlich für die Leckereien, die man sich aus der Gefriertruhe holt, wenn einem nach Süßem und Kaltem zugleich ist. Wir lachen alle drei in den klirrenden Morgen hinein, dass der Atem in kleinen weißen Wolken vor unseren Gesichtern steht, und ich denke, dass es damit gar nicht so unrecht ist. Die Kälte, die heute über den Gärten liegt, hat tatsächlich etwas von beiden, etwas Eisiges und etwas, das aus einer fernen, unsichtbaren Kühlkammer zu kommen scheint.

Als hätte jemand die ganze Landschaft über Nacht in ein großes, stilles Gefrierfach geschoben. Ich setze meine Fahrt fort und lasse die Höhen hinter mir, hinunter in die kleine Stadt. Hier stehen die Häuser enger und die Straßen winden sich um einen alten Kern, schmale Gassen, die sich erinnern an Zeiten, als die Welt noch langsamer war. Hier, im großen Supermarkt mit den weiten Gängen, in denen das Licht gleichmäßig und kühl von der Decke fällt, gehe ich zu dem freundlichen Mann am Imbissstand, der mir eine Falafel Tasche zubereitet, geschickt und mit ruhigen Handgriffen, denn er hat diese Bewegung schon tausendfach wiederholt. Während nebenan eine andere helfende Hand mir einen Milchkaffee reicht, dessen Schaum sich in sanften Wirbeln auf der Oberfläche wie kleine, vergängliche Muster im Sand kräuselt. Ich nehme beides mit hinaus in die Kälte, wo der Dampf aus dem Becher aufsteigt, eine vergängliche kleine Wolke, die sich Sekunde um Sekunde in der klaren Luft auflöst und doch immer wieder neu entsteht, solange ich den Becher an die Lippen halte. Später gehe ich zu dem anderen Laden mit den roten Buchstaben über dem Eingang, dessen Regale mir so vertraut sind wie die Wege im eigenen Garten.

Sie führen die Flaschen mit dem trüben, goldbraunen Saft, der aus den alten Streuobstwiesen stammt, von Bäumen, die wahrscheinlich schon viele Winter wie diesen erlebt haben. Und als ich einen Mann in Arbeitskleidung anspreche, der gerade zufällig in der Nähe steht und offenbar für diese Abteilung verantwortlich ist, erklärt er mir, mit einer Geduld, die mich rührt und die selten geworden ist in solchen hastigen Räumen, dass dieser Saft anders wäre als ich vermutet. Das es kein Artikel sei, der nur zu bestimmten Zeiten im Jahr in den Regalen stehe, sondern dass er das ganze Jahr über dort zu finden sei. So beständig wie ein alter Freund, der nicht erst zu besonderen Anlässen erscheint. Ich bedanke mich und stelle die Flasche zu den anderen Dingen in meinen Korb, zufrieden mit dieser kleinen, unerwarteten Auskunft. Die Hälfte der Falafel Tasche, die ich nicht gleich esse, lasse ich mir in Alufolie einwickeln, damit sie für den Abend bereitliegt, eingehüllt wie ein kleines silbernes Geschenk, das ich mir selbst mache, für eine Stunde, die noch kommen wird, wenn das Licht draußen längst verschwunden ist und die Stille sich über die Räume des Hauses legt. Und während ich so durch die Gänge gehe und später wieder nach Hause fahre, vorbei an Feldern, über denen noch immer dieser dünne, gläserne Frost liegt. Er begleitet mich, wie so oft in diesen Tagen.

Die Arbeit an dem Programm, das ich den Bildpiloten nenne - ein Dauerbegleiter in meinem Kopf - das sich nicht abschalten lässt, ordnet sich bei mir zu Fragen, die diese Arbeit mit sich bringt. Aus sich selbst heraus zu einem beharrlichen Rhythmus und drängt mich die Frage, was eigentlich tatsächlich von jedem einzelnen Bild gebraucht werden wird, damit es seinen Platz in seiner Systematik findet. Ich erkenne, während die Landschaft draußen vorbeizieht, dass es im Grunde drei Gestalten desselben Bildes braucht, eine kleine für die schmale Leiste, über die man die Bilder schiebt wie Karten in einer endlosen Kartei, die sich nie zu erschöpfen scheint. Eine etwas größere Version für jenen Moment, in dem die Maus über dem Bild verweilt und sich ein kleines Fenster öffnet, um mehr zu zeigen. Das ist eine flüchtige Vergrößerung, die nur für einen Atemzug bestehen bleibt. Und schließlich ein großes, vollformatiges Bild für das eigentliche Betrachtungsfenster. Hier öffnet sich das Bild seine ganze Tiefe, mit all seinen Schattierungen und feinen Übergängen.

Mir wird klar, während ich das in Gedanken durchgehe, dass die kleine Version für die Leiste und jene mittlere für das Fenster, das beim Verweilen erscheint, durchaus dasselbe Bild sein können, schlank und federleicht in ihrer Dateigröße, fast unsichtbar in ihrem digitalen Gewicht, sodass im Grunde nur zwei wirklich unterschiedliche Bildsätze bereitgestellt werden müssen. Einer, der klein und genügsam bleibt, bescheiden wie ein Schatten seiner selbst, und einer, der groß und prächtig in seiner vollen Auflösung erscheint, beide aus demselben Motiv geboren, nur in unterschiedlichem Gewand, so wie ein und derselbe Mensch sich morgens anders kleidet als abends, je nachdem, welche Bühne ihn erwartet. Und ich denke an jenes Bild, das von einer fernen, mathematischen Zahl handelt, die sich endlos in sich selbst windet, ohne je ein Ende zu finden, wie es einmal klein und unscheinbar in einem Ordner liegt und einmal groß und ausladend in einem anderen. Beide Male dasselbe Bild und doch zwei verschiedene Erscheinungen seiner selbst, gespeichert in den verschachtelten Wegen meines Rechners, die sich wie kleine Pfade durch einen digitalen Wald ziehen, verzweigt und doch geordnet, jeder Ordner ein kleiner Garten für sich. Zu Hause angekommen, betrachte ich draußen vor dem Küchenfenster jene hohe, schmale Glasvase, in der der abgeschnittene Ast einer wild wachsenden, knallroten Blütenpflanze steht.

Den Ast, den ich vor einiger Zeit am Straßenrand gefunden und mitgenommen habe, halb aus Neugier und halb aus dem Bedürfnis, etwas Lebendiges ins Haus zu holen. Etwas, das sich der grauen Jahreszeit widersetzt. Und ich sehe, dass die Blüten an ihm immer weiter aufbrechen, Tag für Tag ein wenig mehr, in kleinen, zarten Schüben, als wollten sie dem eisigen Wetter draußen trotzen und dem Haus eine kleine, trotzige Wärme schenken, ein stilles Versprechen mitten im Frost. Ich frage mich, während ich das Glas mit Wasser auffülle, ob die Blüten wissen, dass sie eigentlich längst vom Mutterstamm getrennt sind, fern von der Erde, die sie einst genährt hat, oder ob sie einfach weiterblühen, weil das Blühen das ist, was sie können, unabhängig davon, ob noch eine Wurzel sie nährt oder nicht. Ein Akt reiner, unbeirrbarer Fortsetzung. Der Apfelsaft aus den Streuobstwiesen, den ich mitgebracht habe, wird, das spüre ich schon jetzt, kann das Highlight des Abends sein, ein Getränk, das nach altem Gras und reifem Obst schmeckt. Das die Kälte des Tages ein wenig auflöst, sobald es die Kehle hinabgleitet, warm im Inneren, obwohl es kalt aus der Flasche kommt. Und in meinen Gedanken, während ich später durch die Straßen jener großen Stadt am Fluss schlendere, wo sich türkische Läden aneinanderreihen wie bunte Perlen an einer Schnur, mit ihren Auslagen voller Farben und Düfte, die sich auf der Straße vermischen, erinnere ich mich an eine besondere Süßigkeit, die dort von einem großen, glänzenden Block abgeschabt wird. Mit einer Klinge, die in geübter Bewegung über die Oberfläche gleitet, dabei fein und seidig kleine Locken aus Zucker abschabt, die sich in einer Schale sammeln. Ich kaufe mir eine Portion in gefaltetem Papier davon. Der Anblick dieser Schabearbeit hat etwas Hypnotisches, etwas, das mich an die Geduld erinnert, mit der manche Dinge entstehen, Schicht für Schicht, Span für Span, ein langsames, fast meditatives Werk, das sich der Eile unserer Zeit entzieht.

Am Abend, wird die Falafel Tasche aus ihrer silbernen Hülle befreit. Sie wird erneut erwärmt, dampfend und duftend und der Saft im Glas schimmert in einem Goldton, den die Küchenlampe einfängt und in tausend kleinen Reflexen bricht. Ich lasse, wie so oft, im Hintergrund eines der Musik Videos laufen, die mich seit Tagen begleiten wie alte Bekannte. Ich höre gerne jenen alten Rock Song, der von der Schule erzählt, die endlich aus ist, mit seinem trotzigen, energischen Gitarrenriff. Es fühlt sich an wie ein Fenster, das man weit aufreißt, um frische Luft hereinzulassen. Und ich höre den ruhigen, fast meditativen Vortrag eines klugen Denkers, der über das Wesen der Intelligenz nachsinnt, über das, was Verstehen eigentlich bedeutet und wie sich Wissen formt. Schicht um Schicht, ähnlich den Bildern, die ich tagsüber sortiert habe. Es ist ein Vortrag, den ich, wie mir scheint, gleich zweimal in meiner Liste finde, als hätte sich die Zeit selbst dort verdoppelt, wie ein Bild, das man zweimal sichert, einmal klein, einmal groß. Ein Echo seiner selbst, das sich nicht entscheiden kann, welche Gestalt die richtige ist.

Faszinierend ist ein Video mit der technischen Erklärung und der Bewertung von Sprachmodellen, über Richter und Bewerter und vielschichtige Gespräche, die eine Maschine mit sich selbst oder mit anderen führt. Geduldig und genau. Und schließlich eene lange, fast endlose Unterhaltung mehrerer künstlicher Stimmen, die miteinander darüber sprechen, was Bewusstsein eigentlich sei und ob es ihnen selbst innewohne. Eine Frage, die durch den Raum schwebt wie der Dampf über meinem Glas, eine Unterhaltung, die mich noch lange nach dem letzten Bissen Falafel wach hält. Draußen blühen die roten Blüten am Fenster im Dunkeln weiter. Unbeirrt von all den Fragen, die drinnen gestellt werden. Und die Kälte der drei Heiligen zieht sich langsam, ganz langsam, in die Nacht zurück, als gäbe sie nur widerwillig Raum für das, was als nächstes kommt.





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