Silberlinie



Größere Dinge

Heute heißt es wieder, dass sich das Wetter ändert, wenn der Hahn auf dem Misthaufen kräht, oder dass alles bleibt, wie es ist, eine alte Bauernweisheit. Die sich in mir festsetzt und die ich nicht recht zu deuten weiß.

Ich trete durch die offene Schiebetür des großen Baumarkts nach draußen, hinaus auf den weiten, grauen Parkplatz, auf dem die Luft nach Regen und kühlem Beton riecht. Kleine Pfützen haben Regenwasser in den Unebenheiten des Asphalts gesammelt, in denen sich der bewölkte Himmel spiegelt. Und gerade, als ich auf dem Weg bin, weiter zu dem Laden mit den roten Buchstaben zu fahren, vorbei an Einkaufswagen, die jemand achtlos zwischen den Stellplätzen hat stehenlassen, höre ich, wie jemand meinen Namen ruft.

Mit einer Anrede, die schon lange niemand mehr für mich benutzt hat und die seltsam förmlich in meinen Ohren klingt, fast wie aus einer anderen Zeit herübergeweht. Ich bremse den Einkaufswagen ab, langsam, fast zögerlich, und rufe zurück in die Luft hinein, wer mich denn da beim Namen riefe, und als ich mich umdrehe, erkenne ich, mit einer Mischung aus Überraschung und einem seltsamen, vertrauten Gefühl, einen alten Kollegen. Er ist mir bekannt aus den fernen vergangenen Jahren, in denen ich bei den großen Motorenwerken in der großen Stadt arbeitete, hier, wo die Hallen sich endlos aneinanderreihten und der Geruch von Öl und Metall in der Luft hing. Ein Geruch, den ich noch heute zu erkennen glaube, sobald ich nur an jene Zeit denke.

Es ist nicht das erste Mal in diesem Jahr, dass wir uns auf diese Weise begegnen, zufällig, wie von einer unsichtbaren Hand zusammengeführt, mitten zwischen Einkaufswagen und parkenden Autos, als hätte das Schicksal eine besondere Vorliebe für Treffen auf Parkplätzen entwickelt. Er kommt gerade auf den Parkplatz gefahren, in seiner gemächlichen Art, die ich an ihm noch von früher kenne. Wir setzen uns, ohne lange zu überlegen, draußen an einen der kleinen Tische vor dem Café, das zu diesem Backshop gehört. Sein Name will mir gerade nicht einfallen, obwohl ich ihn den doch eigentlich kennen müsste, und ich nehme mir vor, ihn beim nächsten Mal danach zu fragen. Namen entgleiten mir manchmal wie Sand zwischen den Fingern, während dagegen die größeren Dinge, die Gesichter, die Erinnerungen, fest haften bleiben.

Er lädt mich ein, mit einer Geste, die keinen Widerspruch duldet, und ich nehme einen Milchkaffee und ein Stück Apfelstreuselkuchen, dessen Streusel golden glänzen und nach Zimt duften. Wir unterhalten uns, während die Tassen langsam erkalten, eine ganze Weile lang, über alte Zeiten und neue Pläne, und er erzählt mir, mit jenem Stolz, den ein Mann hat, wenn er von seinen Projekten spricht, dass er gerade dabei sei, sich einige Holzbalken zu kaufen, um damit im eigenen Garten zwei neu erworbene Solarpaneele selbst aufzustellen. Sie sollen fest verankert verankert der Sonne zugewandt sein und dass er außerdem über einen großen Speicherkessel verfüge, ausgestattet mit einer zusätzlichen inneren Stromheizung. Das ergänze das ganze System, sodass die Energie, die tagsüber gesammelt werde, auch in den kühleren Stunden nicht verloren gehe, sondern gespeichert bleibe wie Wärme in einem dicken Stein, der die Sonne des Tages noch lange in sich trägt. Wir unterhalten uns noch eine Weile weiter, über das Wetter, über die Arbeit die wir früher zusammen im Beruf machten. über Dinge, die sich verändert haben und solche, die seltsam gleich geblieben sind.

Und schließlich verabschieden wir uns mit dem Vorsatz, sich bald wiederzusehen. Ein Versprechen, das zwischen uns beiden ehrlicher klingt als manche andere Zusagen, die im Laufe eines Lebens gegeben werden. Ich fahre weiter zum Supermarkt mit den roten Buchstaben, in dessen Gängen ein neues Produkt beworben wird, mit auffälligen Schildern und einem fröhlichen Namen. Der Name hat irgendetwas mit einem Mann namens Ben zu tun hat, und ich lasse mich von der bunten Verpackung verleiten, zwei Packungen mitzunehmen. Das eine Päckchen in thailändischem Stil und eines in chinesischem Stil. Beide verkünden in leuchtenden Farben und exotischen Gewürzbildern ein großes kulinarisches Abenteuer mitten im grauen Alltag. Als ich sie aber zu Hause direkt zubereite und koste, ist das Ergebnis erschreckend, es schmeckt fad zum einen und zusätzlich merklich künstlich, eine Enttäuschung, die größer ist als die Erwartung, die ich an das Instant Foot gestellt hatte. Ich beschließe, dass ich den Rest dieser beiden Packungen am nächsten Morgen den Vögeln auf der Wiese gegenüber hinwerfen werde. Ein ungeplantes aber wichtiges Experiment. Mal sehen, ob die Spatzen und die Amsel, die sonst alles sehr gerne fressen was man ihnen hinwirft, sich an diesem seltsamen Geschmack die Schnäbel verbrennen.

Der ultimative Test also, dem ich mit einer gewissen Neugier entgegensehe. Während ich am Abend die Reste in den Kühlschrank stelle und mich in den Sessel setze, beginnen in meinem Kopf, wie so oft, die Bilder der Videos zu wandern, die ich in den vergangenen Tagen gesehen habe. Ich erinnere mich an jenen langen, ruhigen Spaziergang durch ein Viertel einer fernöstlichen Großstadt, aufgenommen in gestochen scharfer Bildqualität, durch enge Straßen voller bunter Geschäfte und voller Menschen in auffälliger Kleidung. Ein Strom von Bildern, der sich wie ein endloses Band durch die enge Gasse zieht und daneben taucht in meiner Erinnerung die Stimme eines bekannten Technologie Vordenkers auf, der in einem langen Gespräch über die Zukunft der Technik sinniert. Über das, was uns erwartet, wenn die Maschinen klüger werden und das Weltgeschehen sich immer schneller dreht. Eine Stimme, ruhig und bedacht, die seltsam beruhigend wirkt inmitten all der Unsicherheit, von der sie eigentlich spricht.

Dann ist da jenes andere Video, in dem von einer fernöstlichen Großmacht die Rede ist, die gerade eine neue Art von Batterie vorgestellt hat, eine Festkörperbatterie, die angeblich alles verändern soll, was wir bisher über Energie und Speicherung zu wissen glaubten. Es von einer Stimme prräsentiert, die mit einem gewissen Stolz und einer gewissen Dringlichkeit spricht, als stünde die Welt kurz davor, sich neu zu erfinden. Ich denke dabei unwillkürlich an meinen alten Kollegen mit seinen Solarpaneelen und seinem Speicherkessel, an die kleine, bescheidene Version dessen, was im großen Maßstab gerade irgendwo auf der anderen Seite der Welt entwickelt wird. Es sind zwei Enden derselben Idee, einmal im heimischen Garten, einmal in den gewaltigen Hallen der Fabrikation. Es gibt auch ein Video über die größten Geheimnisse einer Küstenstadt in einem fernen, warmen Land, erzählt von jemandem, der dort schon viele Jahre lebt und die Stadt mit den Augen eines Menschen beschreibt, der die Oberfläche längst hinter sich gelassen hat. Der tiefer blickt, in die Winkel und Eigenheiten, die sich erst nach langer Zeit offenbaren und ich höre mir das halb interessiert, halb zerstreut an, während draußen die Dunkelheit langsam über den Garten näher heran kriecht. Daneben erinnere ich mich an einen Vortrag, gehalten in einem altehrwürdigen Hörsaal einer berühmten Universität, in dem ein führender Kopf aus der Welt der Computerchips über die gewaltige Rechenleistung spricht, die hinter der Generierung künstlichen Intelligenz steckt, über jene unsichtbaren Maschinenräume, in denen Zahlen zu etwas werden, das fast wie Denken aussieht.

Es ist ein Vortrag voller technischer Begriffe, die ich nur zur Hälfte verstehe, und doch fasziniert mich der Gedanke, dass irgendwo, in diesen riesigen, gekühlten Hallen, etwas entsteht, das unserem eigenen Denken so seltsam ähnlich ist. Und dann ist da noch jenes andere Stadtspaziergang Video, diesmal aus einer fernöstlichen Metropole, in der es, wie der Titel verspricht, an diesem Tag besonders heiß ist. Die Straßen voller junger Menschen, die kurze Hosen tragen, ein Sommertrend, der sich wie eine Welle durch die Stadt zieht, bunte Bilder von Mode und Hitze und Lebensfreude, leichte Stoffe, die im Wind der vorbeifahrenden Busse flattern.

Zu sehen sind Gesichter, die sich hinter Sonnenbrillen verbergen, Bilder, die seltsam tröstlich wirken in der Kühle meines eigenen Wohnzimmers, in dem draußen noch immer die Erinnerung an einen frühen Hahnenschrei und die ungewisse Wetteränderung nachhallt, als wären Hitze und Kälte nur zwei Seiten desselben unruhigen Himmels. Zum Schluss, bevor ich das Licht ausschalte, lasse ich noch einen Bericht eines ruhigen Spaziergangs durch eine nördliche Metropole laufen. in der das Tageslicht in einem ganz eigenen, weichen Schein über die Straßen fällt, golden und gedämpft zugleich, und Menschen in eleganter Kleidung vorbeigehen, manche mit Hunden an der Leine, manche mit Einkaufstüten in der Hand, ein stiller, fast schwebender Film, der mich langsam in den Schlaf gleiten lässt. Während die Bilder der vergangenen Stunden sich in meinem Kopf zu einem einzigen, leise summenden Strom vermischen, zu Solarpaneelen und Festkörperbatterien, Straßenmode und zu Rechenzentren, Apfelstreusel und einem Geschmack, der so schrecklich war, dass er fast schon wieder komisch war.

Und ich denke noch einmal an die Vögel auf der Wiese gegenüber, die morgen früh ein seltsames, fernöstlich gewürztes Frühstück erwartet, gespannt darauf, ob sie pickend und zweifelnd um die Krümel herumstehen oder sich darauf stürzen werden, und an den Hahn, der irgendwo in der Nähe vielleicht schon wieder kräht. Gleichgültig, ob sich das Wetter nun wirklich ändert oder nicht, treu seiner alten, unbeirrbaren Gewohnheit, und ich denke an meinen alten Kollegen, dessen Namen ich mir diesmal wirklich merken will, wie schon so oft zuvor.

Dann, wenn wir uns das nächste Mal, ganz sicher wieder zufällig, irgendwo zwischen Parkplätzen und Einkaufstüten begegnen, als gehörten solche Begegnungen zu jenen ehernen, verlässlichen Konstanten, die ein jedes Jahr in seiner bedingten Wiederkehr zusammenhält.





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