Über das Machen und Tuen
Die Welt liegt unter einer dichten und schweren Wolkendecke, die den ganzen
Himmel über der Stadt in ein gleichmäßiges und fahles Grau taucht. Während ich
auf meinem Fahrrad sitze und die kühle und feuchte Luft um meine Ohren
streicht, denke ich an den morgigen Tag und daran, dass ich einen Termin
nachfragen werde. Diese Gewissheit gibt meinen Gedanken eine seltsame und
zielgerichtete Schärfe, denn es ist immer ein kleiner und bedeutender Akt,
einen Termin zu erfragen. Als ob man ein unsichtbares Band knüpft, das einen
an die Zukunft und an andere Menschen bindet. Heute, an diesem grauen und
verschlossenen Tag, will ich in eine kleine Stadt im Umland fahren, und der
Gedanke an diesen Ort erfüllt mich mit einer ruhigen und vertrauten Wärme.
Auch wenn die Bewölkung so dicht ist, dass sie fast greifbar wird und die
Umrisse der Häuser und Bäume weich und verschwommen zeichnet.
Ich trete in
die Pedale und die Bewegung meines E-Bikes wird zu einem gleichmäßigen und
tröstlichen Rhythmus, die Straße zieht sich vor mir hin wie ein langes und
stilles Band. Ich habe mir fest vorgenommen, zunächst bei einer älteren
Nachbarin vorbeizufahren, um ihr einfach einen guten Tag zu sagen, denn es
ist eine kleine und freundliche Geste, die in dieser düsteren und
undurchdringlichen Atmosphäre wie ein freundliches Licht wirkt. Ich stelle
mir vor, wie sie vielleicht in der Tür steht und mich mit diesem warmen und
offenen Blick empfängt, und schon dieser Gedanke macht die Fahrt leichter und
heller, obwohl die Wolken immer noch schwer und unbeweglich am Himmel hängen.
Ich fahre weiter und die Straßen werden enger und vertrauter, und ich weiß,
dass ich bald an dem unscheinbaren Laden vorbeikommen werde, aber ich weiß
auch, dass er heute geschlossen hat.
Und diese Enttäuschung mischt sich mit
einem Gefühl der Ruhe, denn ein geschlossener Laden hat etwas Endgültiges
und Beruhigendes. Als ob die Zeit für einen Moment stillsteht und man nicht
gezwungen ist, etwas zu tun oder zu kaufen. Ich gleite einfach auf meinem
Fahrrad daran vorbei und das geschlossene Tor und die dunklen Fenster flüstern
eine stille und fast feierliche Geschichte, während ich weiter in Richtung
eines großen und hell erleuchteten Supermarkts fahre und dann zu einem
gemütlichen Café.
Die Fahrt zieht sich wie ein langsam fließender Fluss, und
ich lasse meine Gedanken treiben und schweifen. Als ich schließlich bei dem
Café ankomme und mein Fahrrad vor dem Eingang abstelle, fühle ich mich wie
ein Ankömmling in einer vertrauten und doch immer wieder neuen Welt. Ich
trete ein und setze mich an einen der kleinen runden Bartische, die so typisch
sind für dieses Café, der Tisch hat genau die richtige Höhe.Ich bestelle mir
einen Kaffee und ein belegtes Brötchen und während ich auf meine Bestellung
warte und dann den heißen Latte in kleinen und genussvollen Schlucken trinke
und in das belegten Brötchen beiße, lasse ich meinen Blick über die Glasfront
schweifen und beobachte die Menschen die draußen vorbeigehen. Ich beginne, sie
zu zählen, und für jeden, der vorüber huscht, in meinem Sichtfeld erscheint
und wieder verschwindet, mache ich einen kleinen Strich auf die Serviette,
die vor mir auf dem Tisch liegt. Diese Strichliste wird zu einer fast magischen
Zeremonie, und ich konzentriere mich so sehr auf das Zählen, dass die Zahlen
fast zu kleinen und lebendigen Wesen werden. Als schließlich eine beachtliche
Anzahl von Strichen vorhanden sind, lege den Kuli für einen Moment zur Seite
und lasse die Serviette mit den vielen kleinen Linien einfach liegen, jetzt
ist es ein persönliches Dokument.
Während ich weiterhin durch die große, klare
Glasscheibe schaue, fällt mir auf, dass am Imbissstand, der gleich neben dem
Eingang des Cafés positioniert ist und immer ein geschäftiger Punkt im
Geschehen ist, heute stets mehrere Menschen stehen. Dieser kleine Stand hat
eine eigene und unwiderstehliche Anziehungskraft, denn die Leute bleiben dort
stehen und reden und kaufen und essen. Es sind immer mindestens zwei Personen,
die sich in der Nähe dieses Standes aufhalten und diese Beständigkeit hat
etwas Beruhigendes und Fast-Rituelles.
Und ich sehe, wie Männer und Frauen
und auch Paare mit festen und zielgerichteten Schritten in den großen Baumarkt
hinein- und wieder hinausgehen. Ihre Bewegungen sind so energisch und
entschlossen, als ob sie einer inneren und unsichtbaren Logik folgen. Viele
von ihnen tragen Tüten und Kartons und kleine Einkäufe und das Kommen und
Gehen ist ein stetiger und fast rhythmischer Strom. Die Menschen haben die
unterschiedlichsten und eigenartigsten Gangarten, einige watscheln leicht,
andere schreiten wie auf einem unsichtbaren Laufsteg, und wieder andere
bewegen sich so leise und gleitend, dass sie fast wie Schatten wirken. Diese
Vielfalt an Bewegungen und Haltungen ist wie ein lebendiges und sich ständig
wandelndes Theaterstück, das sich direkt vor meinem runden Tisch abspielt.
Auf einmal sehe ich, wie sich eine mutige schwarz-weiße Elster mit einigen
schnellen und geschickten Hüpfern fast bis zu dem Imbissstand vor traut. Ihr
kleiner wachsamer Körper und ihr schneller und ruckartiger Kopf wirken wie
ein lebendiger Punkt in dem ansonsten so grauen und verschwommenen Bild und
sie scheint die Menschen und ihre geschäftigen Bewegungen überhaupt nicht zu
fürchten.
Sondern sie beobachtet alles mit einem kühnen und fast forschenden
Blick und ich verfolge ihre eleganten Bewegungen mit einer gewissen
Faszination, bis sie schließlich wieder davonflattert und im Grau des Tages
verschwindet. Die Autos auf der Straße schalten ihre Lichter an, und diese
plötzlichen Lichter in dem fahlen und matten Licht der bewölkten Atmosphäre
wirken von weitem wie winzige Signale, die eine geheime flackernde Botschaft
senden, an Ganzenbein? Die Scheinwerfer tauchen die Szene in ein weiches und warmes Licht,
das sich mit dem kühlen und grauen Tageslicht mischt und in diesem Zwielicht
erkenne ich plötzlich eine meiner Nachbarfamilie, die aus dem Baumarkt kommt.
Es ist das Paar, das ich das Doppel-Polizisten-Paar nenne, weil beide in einer
uniformähnlichen dunklen Kleidung einhergehen.
Sie haben eine so aufrechte und
selbstbewusste Haltung und kommen mit ihren Kindern und mit langen stabilen
Stangen aus dem Markt heraus. Die Kinder laufen um sie herum und die Stangen
ragen wie seltsame moderne Lanzen in die Luft. Die ganze Gruppe bewegt sich
mit einer synchronen Geschwindigkeit über den Parkplatz, und ich sehe ihnen
für einen Moment mit einem warmen Gefühl nach. Dann entdecke ich am anderen
Ende des Parkplatzes eine Frau, die eine verblüffende Ähnlichkeit mit einer
mir bekannten Person hat, und sie steht an der hinteren Klappe ihres Autos,
die geöffnet ist. Sie schaut in meine Richtung, und dieser Blick ist so direkt
und offen, dass ich fast das Gefühl habe, sie könnte mich wirklich kennen.
Ich frage mich, ob sie gerade losfahren will oder ob sie gerade angekommen
ist, und diese Ungewissheit lässt mich für einen Moment innehalten und über
die vielen unerzählten Geschichten nachdenken, die sich auf diesem Parkplatz
abspielen. Dann ist zu sehen, wie sie einen großen und sperrigen
Hochdruckreiniger aus dem Kofferraum nimmt und ihn mit einer gewissen Mühe
aber auch mit Geschick auf den Boden stellt. Ich denke, dass sie das Gerät
zurückbringt, und diese alltägliche Handlung ist so voller Bedeutung und
Alltäglichkeit, dass sie mich berührt. Die Leute kommen und gehen unaufhörlich
aus dem Baumarkt und auch aus dem Café ein und aus. Der Eingang ist für beide Geschäfte der
gleiche, und diese räumliche Besonderheit schafft eine seltsame und fließende
Verbindung zwischen den beiden Welten, der Welt der großen Baumärkte
Funktionalität und der kleinen und gemütlichen Welt des Cafés. Die Menschen
strömen durch diese eine Öffnung wie durch einen unsichtbaren und
allgegenwärtigen Trichter, und ihre Bewegungen sind unterschiedlich und doch
so gleich.
Ich bemerke, dass ich mit meinem Fahrrad fast der einzige bin, der
dieses Fortbewegungsmittel gewählt hat, denn alle anderen scheinen in Autos
zu sitzen oder zu Fuß zu gehen. Es stehen nur ein weiteres E-Bike und ein
einzelner Roller geparkt hier. Diese beiden wirken neben meinem eigenen Rad
wie stille Gefährten in einer Welt der großen und lauten Maschinen, Ich fühle
mich fast wie ein Außenseiter und Beobachter, der aus einer anderen und
leichteren Zeit hierher gekommen ist.
Während ich noch so dasitze und die Szenerie
auf mich wirken lasse, erinnere ich mich daran, dass ich einem Mann aus
meiner Nachbarschaft eine schwarze Rolle aus festem griffigem Kunststoffseil
geben will, und ich habe sie tatsächlich in meiner Tasche und werde sie ihm
bei Gelegenheit geben. Dabei stelle mir vor, wie er sie entgegennimmt und
mit seiner ruhigen und bedächtigen Art fragt, was ich dafür bekommen würde.
Und ich werde ihm sagen, dass es schon so in Ordnung sei. Manchmal sind
kleine Geschenke zwischen Nachbarn wertvoller als der festgelegte Preis.
Diese Geste des Gebens und Nehmens ist ein wichtiger Teil des alltäglichen
Lebens, der oft übersehen wird. Der aber das Gefüge der Nachbarschaft
zusammenhält und stärkt. Meine Gedanken schweifen weiter und streifen die
seltsamen und doch vertrauten Dinge des Lebens und ich erinnere mich an die
Stellenausschreibung bei einem großen und bekannten Unternehmen in einer
fernen und geschäftigen Stadt. Die Vorstellung von all den Menschen, die
sich dort bewerben und ihre Fähigkeiten und Hoffnungen in die Waagschale
werfen, ist eine Parallele zu dem ständigen Kommen und Gehen vor meinem
Fenster, und jeder dieser Menschen hat seine eigene und einzigartige Geschichte
und seine eigenen kleinen oder großen Träume.
Und ich denke auch an eine
Darstellung eines gewaltigen und runden Bauwerks in einem fernen Land, die ich
in einer Datei auf meinem Rechner gespeichert habe. Diese Darstellung zeigt
die monumentale und fast überirdische Form eines Domes, und die Vorstellung
von dieser Architektur und ihrer imposanten und doch so fremdartigen Schönheit
vermischt sich in meinem Kopf mit den Bildern der anderen Orte und Welten,
von denen ich in den letzten Tagen und Nächten gehört oder gelesen habe. Es
ist, als ob all diese Orte und Geschichten miteinander verwoben sind und ein
unsichtbares und großes Netz bilden, das sich über den ganzen Globus und über
die Zeit hinweg spannt. Ich denke an die belebten und schillernden Straßen
einer großen und fernen asiatischen Metropole bei Nacht, wo die Lichter so
hell und bunt leuchten und die Menschen durch die engen und geschäftigen
Gassen strömen, in einem nie endenden und pulsierenden Tanz, und ich sehe vor
meinem inneren Auge die schmalen und leuchtenden Gassen und die seltsamen und
verborgenen Ecken, die erst in den späten Stunden ihre geheime und aufregende
Seele offenbaren.
Dann wechseln die Gedanken zu einer anderen und ebenso
großen Stadt, die am Wasser liegt und deren nächtliche Uferpromenade von
tausend und aber tausenden Lichtern gesäumt wird, die Menschen flanieren dort
und die Wolkenkratzer ragen in den Himmel wie fingrige leuchtende Türme,
und alles ist Bewegung und Licht und ein ständiges und berauschendes
Vorbeiziehen. Diese Bilder verschmelzen mit dem eher ruhigen und grauen
Bild des Parkplatzes vor mir, als ob die ganze Welt ein einziges und
vielfältiges und unendliches Gewebe wäre. Ich denke auch an die
geheimnisvollen und rätselhaften Forschungen von Menschen, die sich mit
einem unentzifferbaren Buch beschäftigen, das voller seltsamer pflanzlicher
Zeichnungen und unbekannter Schriftzeichen ist, und an die Geschichte dieser
Forscher, die ihre Karriere riskieren, weil sie einfach wissen wollen, was
in diesem alten und geheimnisvollen Werk verborgen liegt.
Dann schießen
meine Gedanken zu den großen und uralten kosmologischen Vorstellungen einer
fernen und weisen Kultur, die sich die Zeit und den Raum in endlosen und sich
wiederholenden Zyklen denkt, in denen alles kommt und geht und immer wieder
neu beginnt. Diese großen und zeitlosen Gedanken verbinden sich in meinem
Kopf mit dem ständigen Kommen und Gehen vor dem Eingang des Baumarkts und
des Cafés, denn auch hier ist alles ein Kreislauf des Erscheinens und
Verschwindens, des Einkaufs und des Wiederhinausgehens, wo das Leben selbst
zu einem großen und sich ständig drehenden Rad wird, das sich durch die Tage
und Nächte bewegt. Und ich bin hier nur der aufmerksame stille Beobachter an einem
runden hölzernen Tisch, der eine Strichliste auf einer Serviette führt und die
Welt um sich herum in all ihrer verwirrenden und doch so geordneten Vielfalt
aufnimmt. Ich höre in meinem Kopf die leise und eingängige Melodie eines alten
und fröhlichen Liedes, das von einem Herzschlag handelt und das mich an
einfachere und unbeschwerte Zeiten erinnert.
Der rhythmische Ton
vermischt sich mit dem Geräusch der vorbeifahrenden Autos und dem leisen
Gemurmel der Menschen und dem Klirren der Tassen und Teller in dem Café
hinter mir, und ich denke an die gewaltigen und fast unvorstellbaren
Fabrikanlagen, die in einer weiten und sonnigen Landschaft entstehen und
die mit ihren unzähligen und glänzenden Solarflächen die Kraft der Sonne
einfangen und in reine und saubere Energie für das Leben unserer
siliziumbasierten Mentalstrukturen verwandeln. Und diese Bilder von
technologischen Wundern und ehrgeizigen Projekten vermischen sich mit den
Gedanken an eine künstliche und lernende Intelligenz, deren feine und präzise
Mentalität wie eine eigene und stumme Sprache wirken. Unermüdlich fließen
diese Visionen aus
der Ferne und aus den Tiefen des Netzes in mich hinein und verbinden
sich mit dem einfachen und alltäglichen Bild des grauen und bewölkten
Nachmittags.
Ich lehne mich zurück und atme die kühle und feuchte Luft ein
und spüre den Kaffee in meinem Magen und die feste und runde Kante des
Bartisches unter meinen Ellbogen. Und für einen langen und stillen Moment
bin ich vollkommen zufrieden mit dieser unscheinbaren und doch so reichen
und vielschichtigen Welt, die sich vor uns ausbreitet, und ich weiß, dass
ich dieses Bild und diese Gedanken und diese zufälligen und doch so
bedeutungsvollen Begegnungen noch lange in mir tragen werde, wenn ich später
wieder auf mein Fahrrad steige und auf der grauen bewölkten Straße
zurückfahre.