Ein heiße Sommertag
Der Sommerwind trägt die schwere, flirrende Hitze über den Asphalt und lässt
die Luft wie flüssiges Glas erzittern, während die Räder des Fahrrads
gleichmäßig über die Straßen rollen und den Weg zwischen den vertrauten Orten
wie eine unsichtbare Schnur hinter sich herziehen. Es ist ein Tag, an dem das
Licht die Farben fast gänzlich ausbleicht und damit auch die Sichtbarkeit Gantenbeins,
sodass die Häuser und die fernen
Hügel in einem Dunst aus gleißendem Weiß und tiefem Grün verschwimmen.
Der
Fahrtwind bringt nur wenig Kühlung und die Haut ist der unbarmherzigen Sonne
ausgesetzt. An einer großen Kreuzung, an der das Rot der Ampel die Bewegung
für einen Augenblick zum Stillstand zwingt, verweilt der Blick auf der
flimmernden Umgebung. Bis die Stimme einer jungen Frau die dichte Stille
durchbricht und in meine Richtung sprechend die Frage in den Raum stellt, ob die
Fahrt mit dem Rad an einem solchen Tag nicht beschwerlich sei. Die Antwort,
die sich fast von selbst formuliert, ist getragen von der Gelassenheit
vieler Jahrzehnte. Denn das Wissen um die eigene Bewegung auf zwei Rädern
reicht so weit zurück, dass die bloße Zahl der Jahre im Vergleich zur erlebten
Gegenwart fast flüchtig wirkt. Das versetzt das junge Gesicht des Gegenübers
in tiefes, ungläubiges Staunen. Das Fahrrad rollt weiter als die Ampel auf
Grün springt, und mit jedem weiteren Tritt in die Pedale weicht die
geschäftige Kulisse der Straße einer tieferen, inneren Betrachtung über die
Natur der Zeit und der Vergänglichkeit der menschlichen Gestalt. Die sich im
Laufe der kommenden Jahrhunderte so drastisch verändern mag, dass die Wesen
der fernen Zukunft kaum noch Ähnlichkeit mit den heutigen Wanderern auf dieser
Erde besitzen werden. Die Gedanken schweifen ab zu den großen kosmischen
Zyklen und den alten Überlieferungen aus den Ländern, in denen das Zeitalter
des Verfalls und der inneren Zerrüttung beschrieben wird. Jenes dunkle
Zeitalter, in dem die Menschheit sich selbst verliert und nach Wegen sucht,
den großen moralischen und physischen Zusammenbrüchen der Welt trotzen zu
können. In diesen uralten Schriften schläft der Schöpfergott auf dem
unendlichen Urozean, während aus seinem Nabel eine Lotusblüte erwächst, die
neue Welten gebiert. Und dieses Bild von Entstehung und Vergehen verbindet
sich seltsam harmonisch mit dem monotonen Summen der Reifen auf dem heißen
Boden.
Es ist eine Welt, die sich zwischen dem Vergangenen und dem
unaufhaltsamen Auftritt der Maschinen bewegt, wo gigantische
Tunnelbohrmaschinen unter der Erde an geheimen, tiefen Fabriken graben. Und
wo der Wettlauf um die künstliche Intelligenz zwischen den großen Mächten der
Erde die Frage aufwirft: Wer wird die Zukunft des Denkens dominieren? Beim
Eintreffen am gemütlichen Platz vor dem Café, wo die Tische im Freien unter
schützenden Sonnenschirmen stehen, bricht die philosophische Strömung der
Gedanken für einen Moment ab, um Platz für die einfachen Genüsse des Alltags
zu machen. Die Bestellung eines cremigen Getränks und eines mit Kirschen
belegten Plundergebäcks bringt eine willkommene Pause im Schatten. Hier zieht
das geschäftige Treiben des Umfeldes wie ein Theaterstück an den Augen vorbei.
Plötzlich öffnet sich die Tür des nahegelegenen Baumarkts und eine Kassiererin
eilt mit schnellen, entschlossenen Schritten auf den weiten Parkplatz hinaus.
Sie ruft einem Mann nach, der bereits im Begriff ist sein Fahrzeug zu
erreichen, einzusteigen und loszufahren. Ihre Stimme hallt über den Platz.
Er habe ein wichtiges Dokument, seinen persönlichen Ausweis, an der Kasse
vergessen. Woraufhin der Mann mitten in der Bewegung stutzt, sich umdreht
und mit einem dankbaren Lächeln der Frau entgegengeht, um das vergessene
Stück Identität wieder an sich zu nehmen.
Dieses kleine menschliche
Zwischenspiel verliert sich bald wieder in der allumfassenden Wärme des
Nachmittags, während mein Blick über die Passanten schweift und bei einer
Frau hängen stockt, die einen schön gepflegten Hund an einer straffen Leine
führt. Was bei mir die tiefe Verwunderung darüber weckt, wie bereitwillig und
bedingungslos sich die Kreaturen dieser Erde dem oft unerbittlichen Willen
der Menschen unterwerfen. Direkt daneben, am Stand mit den herzhaften
Bratwürsten, zeigt sich jedoch das genaue Gegenteil dieser Unterordnung. Denn
hier versucht ein Mann vergeblich, die ungestüme Energie eines kleinen,
dunkelbraunen Hundes zu bändigen.
Das Tier ist noch sehr jung, noch in den
ersten Monaten seines Lebens und rebelliert durch seine ungebremster Neugier
gegen jede Einschränkung. Es bellt in einem fortlaufenden, hellen Rhythmus
und zerrt an der Leine, in dem Versuch, die Welt nach eigenen Regeln zu
erkunden, während der Besitzer mit Engelsgeduld und unaufhörlichen, sanften
Ermahnungen versucht, die Aufmerksamkeit des kleinen Begleiters zu
beschränken. Indem er immer wieder den Namen des Tieres ruft und ihn von den
anderen hier wartenden Menschen wegzulenken versucht. Das ständige Bellen
vermischt sich mit dem brutzelnden Geräusch der Würste auf dem Grill und dem
Stimmengewirr der Passanten. Am Himmel, unsichtbar für den Beobachters hier,
wirken ganz andere Dynamiken, dort, wo gewaltige Raketen für ihren ersten
großen Testflug bereitstehen.
Wo der Countdown im aller letzten Moment, nur
wenige Wimpernschläge vor dem Abheben des gleich feuerspuckenden Riesen
abgebrochen wird, sodass die gigantische Maschinerie in eisiges Schweigen
zurückfallend, auf der Rampe verharrt. Nach der Rückkehr in die Geborgenheit
des eigenen Heims, wo die Schatten der Bäume lange, kühlende Finger über den
Rasen werfen, ergibt sich die wahre Erholung zum einen in der wärmenden Sonne
und dann dem Aufschlagen eines Buches, dessen Seiten versuchen, leise im
leichten Wind zu rascheln. In der besonderen Ruhe, weit weg vom Lärm der
Straße und den Rufen der Hundebesitzer, kann das Denken zu den tiefen
Fundamenten der Philosophie zurück kommen, zu jener logischen Gewissheit,
dass ein Satz entweder wahr oder falsch sein muss und es kein drittes
Dazwischen gibt. Zumindest in der klassischen Logik gilt es als Axiom. Ein
Prinzip, das die gesamte Struktur unseres Verstandes stützt. Die Erkenntnis
reift, dass die absolute Voraussetzung für jede Bedingung der Möglichkeit von
Erfahrung und für jede Form der Erkenntnis überhaupt, in reinem,
unerschütterlichen Selbstbewusstsein verankert ist. Das wie ein stiller
Beobachter hinter all den flüchtigen Eindrücken des Tages steht. Auf dem
Tisch neben dem Korbsessel stehen die Einkäufe des Tages.
Beim Öffnen der
Flasche des bernsteinfarbenen Bieres mit dem edlen Namen breitet sich schnell
die Gewissheit aus, dass dieser Kauf entbehrlich gewesen ist. Nicht die
spezifische Rezeptur oder die traditionsreiche Marke erregen mein Missfallen,
sondern die Natur des alkoholischen Hopfengetränks an sich. Sie ruft bei mir
eine tiefe, körperliche Abstoßung hervor, die im krassen Gegensatz z.B. zum
wunderbaren Genuss von frischem Brot steht, das mit feinem Olivenöl gebacken
wurde. Und den Gaumen mit seiner perfekten Kruste verwöhnt. Während der
Geschmack des Gebäcks nachwirkt, summt im Hintergrund eine alte Melodie aus
den sechziger Jahren, ein fast vergessenes Solostück eines damaligen
Künstlers. Seine helle Stimme von einer verlassenen Liebe, und die wehmütigen
Klänge gehen fließend über in den unbeschwerten, süßen Welthit aus derselben
Epoche. Wie eine klebrige, fröhliche Welle aus Zuckerwatte strömt sie durch
den Raum und erfüllt die schwere Sommerluft mit einer fast surrealen
Leichtigkeit. In dieser wirren Phantasmagorie verknüpfen sich die Erinnerungen
an die flüchtigen Begegnungen des Tages mit den großen Fragen der Menschheit.
Hier halte ich kurz inne. Angefangen bei der treuen Freundschaft zu
einem alten Gefährten namens Jack, dessen Lebensweg in einer melancholischen
Ballade besungen wird, bis hin zu den düsteren Visionen einer durch
Technologie transformierten Zukunft, in der der Mensch seine biologischen
Ursprünge hinter sich lässt.
Die Hitze des Tages weicht langsam der milden
Kühle des Abendhimmels, während das Bewusstsein um die eigene Existenz und
die unendliche Kette der gemachten Erfahrungen wie ein schützender Mantel
wirkt. Der den Geist sanft einhüllt. Und der die Gewissheit hinterlässt, dass
jeder Moment dieses Tages, vom erstaunten Blick des Mädchens bis zum
rhythmischen Bellen des jungen Hundes, seinen festen und unumstößlichen
Platz im großen Gefüge des Lebens einnimmt.