An der Grenze
Der Körper meldet sich zuerst. Er ist heute an der Grenze dessen, was ihm zuzutrauen
ist, und diese Grenze ist keine Metapher. Sie ist spürbar, physisch, wie eine Membran,
die sich zwischen den Gedanken und der Welt gespannt hat. Die Hitze hat tagelang auf
alles gedrückt, auf die Straßen, auf die Dächer, auf die Haut. Jetzt zeigt das
Wetterradar, dass sie nachlässt. Das ist keine Gewissheit, nur ein Versprechen aus
Pixeln und Wahrscheinlichkeiten.
Draußen, im schmalen Vorgartenstreifen, haben sich
die ersten Blüten der Lilien geöffnet. Sie stehen dort, als hätten sie auf diesen
Moment gewartet. Die Blüten sind wunderschön. Der Anblick kostet nichts und gibt viel
zurück. Vereinzelte Wolkenschleier ziehen über den Himmel, fast zögerlich, als wüssten
sie nicht genau, ob sie bleiben dürfen. Die Luft ist noch schwer, noch warm, noch
nicht frei. Drinnen sitzt der Erzähler mit seinen Gedanken und einer langen Liste von
Dingen, die getan werden müssen. Eine Frau aus dem Bekanntenkreis soll angerufen
werden. Es geht um eine Haushaltshilfe, um einen monatlichen Entlastungsbetrag, der
zur Verfügung steht und genutzt werden will. Es ist eine Frage der Organisation, aber
auch eine Frage der Würde. Nicht alles kann man alleine tragen. Manches darf man
abgeben. Die Wohnung wartet. Sie hat gewartet, seit das Wasser kam, seit der Schlamm
sich in die Ritzen fraß und der Geruch sich festgesetzt hat. Ein Bruder einer
nahestehenden Person kommt vorbei, um die Renovierung zu besprechen. Er ist besonnen.
Er ist nicht hysterisch. Das ist wichtig. Die Gebäudeversicherung hat ihre
Bereitschaft signalisiert, alles zu übernehmen, und das ist eine Chance, die
intelligent genutzt werden will. Im Vorfeld hat der Erzähler sich Gedanken gemacht.
Viele Gedanken. Das Bad ist kein Problem. Hier wird jede Woche gründlich geputzt, mit
viel Wasser, sodass jede Feuchtemessung in diesem Raum schlicht keine Aussagekraft
besitzt. Der Wintergarten braucht Aufmerksamkeit. Alles muss herausgenommen werden,
alles muss gründlich gereinigt werden, und dann kann ein neues Holzsideboard eingebaut
werden, für Schuhe, für Werkzeug, für das lose Material, das sich im Laufe der Zeit
angesammelt hat. Der Doppelboden in der Küche sollte mit einer Stabkamera kontrolliert
werden, bevor man Entscheidungen trifft.
Die Arbeitsplatte in der Küche, aus
Stäbchenholz, von jemandem eingebaut, dessen Hände damals noch jung und sicher waren,
muss erneuert werden. Das Gestell darunter auch. Das alte defekte Kochfeld kommt
heraus. Das neue wird eingebaut, ein wenig versetzt, ein wenig weiter rechts, so dass
der Raum endlich stimmt. Das Arbeitszimmer ist der eigentliche Kern des Problems.
Hier riecht es nach Schlamm. Der Geruch sitzt tief, tiefer als man denkt, tiefer als
man sieht. Der Bodenbelag ist über viele Jahre hinweg mit wenig Sorgfalt behandelt
worden. Jetzt lohnt es sich, den alten Murks herauszureißen. Richtiger Parkettboden
aus gutem Holz soll kommen. Die Ressourcen, die die Versicherung freigibt, sollen zum
maximalen Vorteil der Wohnung genutzt werden. Das ist kein Luxusdenken. Das ist
Vernunft. Auch der große Schrank im Arbeitszimmer soll repariert werden. Alles hängt
zusammen. Alles ist eine Frage des richtigen Moments und des richtigen Blickes. Ein
Freund aus der Nachbarschaft kommt vorbei. Er setzt sich in den freien Korbsessel.
Sie unterhalten sich eine Weile. Die Worte fließen langsam, wie es an heißen Tagen
üblich ist. Er sagt, man solle nicht so negativ sein.
Er sagt das ruhig, ohne Vorwurf,
aber er hat auch keine Wohnungsüberschwemmung hinter sich. Er hat keinen Schlamm in
den Ritzen seines Arbeitszimmers. Es ist leichter, gelassen zu sein, wenn das Wasser
bei einem anderen stand. Sie verabschieden sich freundlich. Er geht eine Runde
spazieren. Die Abendluft nimmt ihn auf. Später, weit nach Einbruch der Nacht, klingelt
es sinngemäß wieder. Der Freund aus der Nachbarschaft vermisst sein Mobiltelefon.
Eine App zeigt ihm, wo es ist. Es liegt hier, zwischen den Blumen draußen, zwischen
den Lilien, die heute ihre ersten Blüten geöffnet haben. Das Telefon liegt im Dunkeln
zwischen den Blüten und wartet. Es wird gefunden. Es ist Mitternacht. Die Temperatur
ist immer noch hoch, viel zu hoch für diese Stunde, und die Natur atmet schwer. In
den Stunden davor, in den langen Zwischenräumen des Tages, hat der Erzähler Videos
geschaut. Die Bilder aus der Welt sind in ihn eingedrungen, haben sich mit dem Geruch
des Schlamms vermischt, mit dem Anblick der Lilien, mit dem Summen des Ventilators.
Ein Fahrzeug bewegt sich nachts auf einer dunklen Straße, gesteuert von einer
Intelligenz, die nicht müde wird, die keine Angst kennt, die die Kurven berechnet,
bevor sie kommen. Die Scheinwerfer fressen sich durch die Dunkelheit. Der Fahrer
sitzt dabei, beobachtet, vertraut und vertraut nicht ganz. Es ist eine neue Art des
Unterwegsseins. Es ist auch eine Frage, die noch nicht beantwortet ist. Dann ein
anderes Bild. Ein großer Elektronikkonzern aus einem weit entfernten Land hat etwas
vollbracht, das die Fachwelt erschüttert. Eine Regel, die seit Jahrzehnten als
unerschütterliches Gesetz der Technologie gilt, eine Regel, die beschreibt, wie
schnell Chips kleiner und leistungsfähiger werden, scheint gebrochen zu sein. Die
Welt der Halbleiter atmet anders.
Es gibt jetzt ein Davor und ein Danach, und
niemand weiß genau, was das Danach bedeutet. Der Erzähler denkt daran, wie Gesetze
brechen. Physikalische Gesetze, technologische Gesetze, aber auch die
stillschweigenden Gesetze des Alltags, die man nie aufgeschrieben hat und die
trotzdem jeder kannte. Und dann Loeb. Ein Wissenschaftler, der sich nicht scheut,
das Undenkbare zu denken. Er untersucht Phänomene am Himmel, die sich der Erklärung
entziehen, mit derselben Nüchternheit, mit der man einen Stein untersucht oder eine
Kurve berechnet. Er sagt, man müsse die Daten ernst nehmen. Er sagt, Neugier sei
keine Naivität. Er sitzt vor Kameras und spricht ruhig über Dinge, die andere zum
Schweigen bringen. Der Erzähler hört zu und denkt an die Wolkenschleier über dem
Vorgarten, an die Lilien, die sich geöffnet haben, an das Telefon zwischen den
Blüten, an den Schlamm im Arbeitszimmer. Alles ist rätselhaft, wenn man lange genug
hinschaut. Alles enthält eine Frage, die größer ist als die Antwort. Die Nacht liegt
schwer über allem. Die Temperaturen fallen kaum. Das Wetterradar hatte recht, die
Hitzewelle lässt nach, aber die gespeicherte Wärme sitzt noch in den Wänden, im
Boden, in der Luft, die sich nicht bewegt. Der Körper ist an seiner Grenze. Der
Erzähler sitzt in seiner Wohnung, die nach Schlamm riecht und auf ihre Erneuerung
wartet, und denkt an Parkettboden aus gutem Holz, an Lilien, die nachts blühen, an
Fahrzeuge, die alleine durch die Dunkelheit fahren, an Regeln, die brechen, an
Wissenschaftler, die den Himmel befragen.
Es ist ein Tag gewesen, der sich nicht
fügte. Der sich nicht ordnen ließ. Der in alle Richtungen zog, nach innen und nach
außen, in die Vergangenheit der alten Arbeitsplatte und in die Zukunft der neuen
Chips. Die Haushaltshilfe muss noch besprochen werden. Der Korbsessel ist leer. Die
Lilien blühen im Dunkeln. Das Telefon ist zurück bei seinem Besitzer. Und die
Temperatur ist immer noch zu hoch für Mitternacht, viel zu hoch, als wäre die Welt
noch nicht bereit, den Tag loszulassen.